Stairwell Light
Score / Sound
Acht kurze Klavierwerke. Zwei Formen jedes Stücks: die symbolische Komposition und ihre generative Transformation.
Die Stücke
Klaviernoten & Audio
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01
3:33
La Fenêtre retrouvée
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02
2:54
Stairwell Light
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03
2:22
Aftermark
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04
2:39
Where the Water Rests
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05
2:32
Until the Room Is Still
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06
3:30
Lamplight Still
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07
2:58
Afterimage
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08
2:24
The Hinge Forgets (Bonus-Track)
SUNO hat hier im generativen Prozess eine wilde Orchesterfassung entstehen lassen – ein Ausreißer aus dem Klavierkosmos des Albums.
Ein Blick unter die Motorhaube
Knapp zehn Minuten Bildschirmaufnahme: von der Komposition in CODEX über die Sonifikation bis zum Upload in SUNO und zur generativen Transformation.
Ohne Kommentar. Gezeigt wird ein Beispiel, das es nicht auf das Album geschafft hat.
Score / Sound
Stairwell Light ist eine Sammlung kurzer Klavierwerke, die in einem mehrstufigen generativen Prozess entstehen.
Am Anfang jedes Stücks steht dieselbe einfache Aufforderung:
“Compose a short work for solo piano …”Danach folgt jeweils nur eine kleine Variation.
Manchmal erhält das Sprachmodell größtmögliche Freiheit:
“Make all other musical decisions yourself.”Manchmal kommt ein einzelner formaler oder psychologischer Impuls hinzu:
“Let later material retain a perceptible memory of earlier material.”“Do not decide on the form in advance; let it emerge from the material.”Andere Instruktionen richten sich ausdrücklich an einen imaginierten menschlichen Hörer:
“Favor musical ideas that are likely to feel expressive and rewarding to human listeners.”oder:
“Compose with the expectation that a human listener should want to hear the piece again.”Diese Sätze geben weder Tonart noch Harmonik, Form oder Stil vor. Sie setzen lediglich einen Rahmen. Die konkreten musikalischen Entscheidungen werden dem Modell überlassen.
Score
Die erste Gestalt jedes Werks ist eine Partitur.
Ein Large Language Model komponiert das Stück in symbolischer Form und schreibt es vollständig in LilyPond. Es entscheidet über Tonhöhen, Rhythmus, Stimmen, Register, Harmonik, Textur, Dynamik und formalen Verlauf.
Der Score ist deshalb kein Begleitmaterial zur Aufnahme. Er ist ein eigenständiges musikalisches Artefakt und der kompositorische Ursprung des Stücks.
Das Modell verfügt über umfangreiches Wissen über musikalische Strukturen und Konventionen. Gleichzeitig besitzt es keine menschliche Hörbiografie. Es hat kein Instrument gespielt, keinen Konzertsaal erlebt und keine persönlichen Erinnerungen mit Musik verbunden.
Gerade diese Differenz ist Teil des Projekts:
Was geschieht, wenn ein System Musik strukturell erzeugen kann, ohne sie auf menschliche Weise zu erfahren?
Und wie verändern bereits sehr kleine sprachliche Eingriffe den daraus entstehenden musikalischen Möglichkeitsraum?
Vom Score zum Sound
Die zweite veröffentlichte Form des Werks ist nicht einfach eine Aufführung des Scores.
Da das generative Audio-Modell keine LilyPond-Partitur lesen kann, muss die Komposition zunächst technisch sonifiziert werden. Aus der Partitur entsteht MIDI, daraus ein schlichtes Klavier-Audio.
Diese Zwischenstufe besitzt im Projekt keinen eigenständigen künstlerischen Status. Sie ist eine notwendige Schnittstelle zwischen zwei unterschiedlichen Modellen: einem symbolisch arbeitenden und einem akustisch arbeitenden System.
Das Audio wird anschließend einem generativen Sound-Modell übergeben.
Dabei entsteht keine bloße klangliche Veredelung des MIDI-Renderings.
Das Modell greift teilweise tief in die Musik ein. Arpeggien können mit zusätzlichen Tönen aufgefächert werden, Texturen werden verändert, Tempi verschieben sich, Proportionen verändern sich, Gesten werden verlängert, verdichtet oder neu gewichtet.
Der Sound bleibt deutlich mit dem Score verbunden, ist aber nicht mit ihm identisch.
Damit findet ein zweiter generativer Akt statt.
CODEX entscheidet symbolisch.
SUNO entscheidet akustisch – und teilweise erneut musikalisch.
Die Grenze zwischen Komposition, Interpretation und Transformation wird dadurch bewusst unscharf.
Score / Sound
Der Untertitel Score / Sound bezeichnet genau diese Doppelstruktur.
Der Score zeigt die symbolische Komposition.
Der Sound zeigt, was geschieht, wenn diese Komposition zum Kontext eines zweiten generativen Modells wird.
Beide Formen gehören zum Werk, aber sie sind nicht dasselbe.
Motive bleiben erhalten, harmonische Beziehungen hinterlassen Spuren, formale Verläufe bleiben erkennbar. Gleichzeitig entstehen neue Noten, andere zeitliche Gewichtungen und veränderte musikalische Gesten.
Das Werk liegt deshalb nicht nur auf beiden Seiten des Schrägstrichs.
Es liegt auch in der Differenz zwischen ihnen.
Systemautorschaft
Meine eigene Rolle ist nicht die eines traditionellen Komponisten.
Ich entscheide nicht über jede Note und spiele die Stücke nicht selbst ein.
Ich entwerfe das System.
Ich formuliere die Ausgangsbedingungen, bestimme die Freiheitsgrade, organisiere die Übergänge zwischen den Modellen, höre die Resultate, wähle aus und entscheide, welche Versionen veröffentlicht werden.
Diese Rolle lässt sich als Systemautorschaft beschreiben.
Die Modelle erzeugen Möglichkeiten.
Der menschliche Autor setzt das Verfahren, hört, vergleicht und entscheidet, welche dieser Möglichkeiten Teil des Werks werden.
Dabei bin ich zugleich Produzent und erster Hörer des Systems.
Gerade diese Rezeption ist ein wichtiger Teil des Prozesses. Die konkrete Musik ist nicht vollständig vorab geplant. Sie kann überraschen, irritieren oder überzeugen.
Auswahl wird dadurch selbst zu einer künstlerischen Handlung.
Stairwell Light
Der Albumtitel stammt aus dem Stück mit der offensten Instruktion:
“Make all other musical decisions yourself.”Ein Treppenhaus ist ein Übergangsraum. Es ist weder Ausgangspunkt noch Ziel. Man bewegt sich durch ihn von einer Ebene zur nächsten.
Auch diese Musik bewegt sich durch Übergänge:
von Sprache zu Notation,
von Notation zu technischer Sonifikation,
von Sonifikation zu generativem Klang,
von maschineller Struktur zu menschlichem Hören.
Veröffentlicht werden die beiden künstlerisch relevanten Zustände dieses Prozesses:
Score / Sound.
Am Ende kann man all das analysieren.
Man kann Partitur und Klang vergleichen, über maschinelle Autorschaft nachdenken oder untersuchen, welche Entscheidungen in welchem Stadium entstanden sind.
Man muss es aber nicht.
Irgendwann tritt das Verfahren zurück.
Und übrig bleibt Musik.